Wie sieht Handwerk in der 5. Generation aus?

Frank Dierolf ist auf derSuche nach einer Antwort

1875 Schuhmacherwerkstatt, 1974 Orthopädie-Schuhmacherei – was darauf folgt, hat Frank Dierolf in den Händen. Bereits in vierter Generation sind Füße das Geschäft seiner Familie.

 

VON KATHARINA SCHULTZ

Frank zusammen mit seinem Vater Werner Dierolf. Leisten sind beim Anfertigen von Schuhen noch immer unabdingbar.                          Foto: Ufuk Arslan

Sein Urgroßvater und Großvater arbeiteten mit Maßband, Nadel und Faden, sein Vater bereits mit 3-D-Scanner und digitaler Ganganalyse. Frank Dierolf ist das nicht genug. Der 22-Jährige studiert gleich zwei Bachelor-Studiengänge, Technische Orthopädie und Wirtschaftsingenieurwesen, um noch besser für die berufliche Zukunft gerüstet zu sein. Seit ein paar Jahrzehnten schon hat die Technik den Handwerksberuf verändert. „Fünfzig Prozent sind heute noch Handarbeit“, berichtet sein Vater Werner Dierolf, der drei Orthopädie- Schuhmachereien im Landkreis Schwäbisch Hall führt. So werden etwa Stoff und Sohle noch per Hand verklebt.

 

BEIDES: MASTER UND MEISTERBRIEF

 

Frank Dierolf sind die Grundlagen der Orthopädie-Schuhtechnik vertraut. „Die Werkstatt war mein zweites Zuhause“, sagt er. Bald könnte Frank in die Fußstapfen seines Vaters treten oder etwas völlig Neues auf die Beine stellen. Der Türöffner für neue Blickwinkel ist das duale Studium der Technischen Orthopädie, ein Studiengang in Münster, den sein Vater, Präsident des Zentralverbandes Orthopädie-Schuhtechnik, mit ins Leben gerufen hat. Seit drei Jahren stehen sowohl Informatik und Physik als auch Werkstoff-, Messtechnik, Elektronik, Humanbiologie und Biomechanik auf seinem Stundenplan. Die Technische Orthopädie befasst sich mit sämtlichen Bewegungsabläufen des Menschen und will diese optimieren und, wenn nötig, fehlende Körperteile ersetzen. „Eine Ausbildung hätte mir nicht gereicht. Es macht mir Spaß, Dinge weiterzuentwickeln und zu tüfteln. Ich wollte sehr gerne studieren“, berichtet Frank. In der dualen Variante verbindet der Studiengang das Handwerk seines Vaters mit den neuesten technisch-ingenieurwissenschaftlichen Kenntnissen. Die Messung und Anfertigung von Hilfsmitteln wie Maßschuhen, Prothesen und Orthesen, also Vorrichtungen, die Gliedmaßen unter anderem stabilisieren, erlebt Frank Dierolf in seinem Ausbildungsbetrieb in Krefeld. Dort wird er auch im Umgang mit Menschen mit diversen Fußproblemen oder Ansprüchen an ihre Beweglichkeit geschult, dazu gehören Diabetiker wie Sportler.

 

INDIVIDUELLE LÖSUNGEN FINDEN

 

Die meiste Zeit der dualen Ausbildung verbringt er an der Fachhochschule, wo die Forschung, Entwicklung und Vermarktung neuer Techniken im Fokus stehen. Begeistert berichtet der gebürtige Obersontheimer von einem zusammen mit Kommilitonen entwickelten Messsystem für das Knie, das die Kraft misst, um das Zusammenspiel von Gelenk, Muskeln und Orthese besser zu analysieren. Und von der Arm-Prothese, die zugreift, wenn der Träger das Signal durch ein Zucken des Brustmuskels gibt. Voraussichtlich in einem Jahr wird Frank seine Bachelorabschlüsse in der Tasche haben. Dann soll ein Master in BWL folgen und womöglich noch die Meisterprüfung. Frank Dierolf könnte es sich einfach machen und dann das 40 Mitarbeiter starke Unternehmen seines Vaters weiterführen. Doch er will sich möglichst viele Perspektiven offen halten: „Ich will schauen, was in ein paar Jahren gefragt ist. Vielleicht gründe ich auch ein Start-up-Unternehmen“, sagt der ehrgeizige Student. Den eingeschlagenen Ausbildungsweg hält er für goldrichtig: „Optimal gehen, laufen, stehen und zugreifen will schließlich jeder.“ Orthopädie-Technik und Orthopädie-Schuhtechnik müssen so individuell sein wie es die Menschen sind. In einer Sache sind sich Vater und Sohn daher mehr als einig: Egal wie sehr die Technik noch perfektioniert wird: „Keine Maschine kann so spezielle Apparaturen genau anpassen. Eine Hand wird es immer brauchen.“

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